Neue Wahrheiten über den Verräter
Bernhard Dedera führt die unbekannte Geschichte des Judas vor Augen
Wer war Judas wirklich? In der Kirche St. Michael in Appenweier spielte Bernhard Dedera am Palmsonntag den Verräter Jesu im Zwiespalt. Das Kammerspiel von der niederländischen Dramatikerin Lot Vekemans ist ein Monolog, in Szene gesetzt und bearbeitet von der Schauspielerin Renata Messing. Zu Beginn sehen die Besucherinnen und Besucher einen barfüßig am Boden kauernden Mann in schwarzer Kleidung. Die Orgel, gespielt von Tobias Götz, erklingt und scheint das Innenleben eines hin und hergerissenen Mannes wiederzugeben. Die Musik weckt Emotionen und trägt dazu bei, sich mit Judas zu identifizieren.
Die Geschichte hinter der Geschichte
Judas Iskariot gilt als der Verräter schlechthin. Es gibt die aus der Bibel bekannte Geschichte. Er hat sich zum Handlanger der Hohenpriestern und den Ältesten gemacht und Jesus ausgeliefert für 30 Silberstücke. Der Judaskuss ist zum Symbol des Verrats schlechthin geworden. Sein Name ist so sehr in Verruf geraten, dass es Eltern in einigen Ländern verboten ist, ihrem Sohn diesen Namen zu geben. Sein Äußeres wurde in der Kunstgeschichte zur abscheulichen Gestalt verunstaltet. „Jetzt reicht´s!“ stellt sich Dedera als Judas dem entgegen. „Was ich erzählen will, ist die unbekannte Geschichte.“ Mit Stolz auf seinen Namen, der ihn mit seiner Familie und mit seinen Ahnen verbindet, sei er aufgewachsen zu einem entschlossenen Mann. „Ich bringe etwas zu Ende, wenn ich es angefangen habe!“ Lange Zeit war er von Zweifeln und der Sinnsuche getrieben in einer Welt, die von Unterdrückung seitens der Römer und Assimilation seitens der Hohepriester geprägt war. „Ihr Geld war verseucht!“, ruft Judas mit Blick auf den Tempelhandel voller Verachtung aus.
Eine innige Jesusbeziehung
Dann beginnt er seine Berufungsgeschichte zu erzählen. „Schlagartig wurde mir klar, wofür ich lebe.“ Die Begegnung mit Jesus wird zu einer inneren Befreiung. Wie er von Jesus lernte, hinter die Dinge zu schauen, beschreibt er in einprägsamen Anekdoten. Einen ganzen Tag lang forderte Jesus ihn auf, einen Stein anzuschauen, in dem Judas zunächst nichts Weiteres erkannte als einen Stein. In der Begegnung mit einem alten Mann, der auf einem viel zu stark beladenen Esel ritt, begann er Mitleid zu spüren und nach dessen Lebensgeschichte zu fragen. Plötzlich konnte er auch im Stein Leben sehen. Judas sehnte sich nach einer innigen Freundschaft mit Jesus. Stolz berichtet er, dass er der einzige Jünger war, der Jesus nach seinem Befinden fragte und für ihn sorgte. „Doch Jesus ging es nicht um Freundschaft“, stellt Judas mit Enttäuschung in der Stimme fest. Dann reift in ihm ein Plan.
Wer ist für uns in den Tod gegangen?
„Ich wollte, dass Jesus als König der Juden Rom erreicht.“ Der Verrat also als Mittel zum Zweck, auf dass Jesus die Herrschaft der Römer beenden und die Herrschaft Gottes mit Jesus als König beginnen möge. Voller Energie und Ausstrahlung steuert Dedera in seinem Monolog als Judas auf die ganz großen Fragen zu, die er provakant den Zuhören stellt. „Wer ist letztendlich für uns in den Tod gegangen? Wer, wenn nicht ich?“ Ohne seinen Verrat, so seine Argumentation, hätte Jesus die Menschheit nicht durch sein Kreuz am Tode erlösen können. „Irgendjemand musste es tun!“, insistiert Judas.
Ein neues Judasbild, das sich einprägt
Am Ende interessiert ihn nur eines: „Hat Jesus mir vergeben?“ Die inneren Kämpfe kommen zur Ruhe. Sehnsuchtsbilder werden wieder wach. Träume von fremden Ländern, die er mit Jesus noch bereisen wollte und von durchwachten Nächten am Lagerfeuer, eng an seiner Seite. Das Schlussbild prägt sich den gebannten Zuschauern ein: Judas in Liebe, der Jesus am Kreuz wie ein Baby in seinen Armen wiegt.
Stephan Thüsing


