Gabe und Geber zugleich

Am Heiligen Abend feiern wir, dass Gott sich selbst uns geschenkt hat. Er ist als 
armes Kind in einem Stall in Betlehem geboren. Dass die Geburt in Betlehem 
sein werde, hatte der Prophet Micha angekündigt: „Aus Dir, Betlehem, wird 
einer hervorgehen, der über Israel herrschen soll.“ (Micha 5,1)

Dass der Herrscher Israels und der ersehnte Retter als kleines Kind in einer ansonsten eher unbedeutenden Stadt geboren wurde, war für die Menschen 
damals unerwartet und nur schwer zu begreifen. Dieses Kind ist Gottes Geschenk an uns Menschen und noch mehr: Gott schenkt sich in diesem Kind 
selbst den Menschen. Er ist Gabe und Geber zugleich.
Heutzutage ist für viele Menschen Weihnachten das Fest der Geschenke.
Wir ahmen damit Gott nach, der uns als erster beschenkt hat, auch wenn vielen 
dieser Zusammenhang nicht bewusst ist. Aus Gottes Geschenk der Menschwerdung können wir lernen, dass wir uns bei jedem Geschenk ein Stück selbst mitverschenken.  Dass wir, wenn wir mit Liebe schenken, manches Mal zurückbleiben, ohne mit Gegenliebe beschenkt zu werden, ist eine Erfahrung des Lebens. Diese absichtslosen Geschenke machen dennoch unser Leben reich und wertvoll. Es ist ein Paradoxon der Suche nach Glück und Sinn im Leben: Was ich gegeben haben ist mein. Es macht mich aus. 
In diesem Sinne scheinen mir am Wertvollsten die Geschenke zu sein, die keinen Dank erwarten können. Gut sein zu einem Menschen, von dem kein Echo der Dankbarkeit, der Anerkennung zurückkommt, bezeichnete der bekannte Theologe und Dogmatiker Karl Rahner als eine Gotteserfahrung. Er hat überdies in seinen biblischen Predigten festgestellt, dass es „die große Tat unseres Lebens“ sei: „Uns selbst anzunehmen als ein unverstandenes, erst langsam sich enthüllendes Geschenk der ewigen Güte Gottes.“ 
Freuen wir uns auf Weihnachten. Möglich, dass uns in einem der Geschenke Gott selbst anspricht!
Stephan Thüsing