Dankbarkeit als Geschenk?

„Danke für diesen guten Morgen, danke für jeden neuen Tag.  
Danke, dass ich all meine Sorgen auf dich werfen mag“

In diesem Lied des evangelischen Kirchenmusikers Martin Gotthard Schneider wird für alles Mögliche gedankt: für die gute Freunde, für die Arbeitsstelle, für die Musik und für vieles mehr. In der letzten Strophe heißt es dann noch: „Danke, ach Herr, ich will dir danken, dass ich danken kann.“
Normalerweise bedanken wir uns, wen wir etwas geschenkt bekommen haben, doch hier ist es umgekehrt: Gott danken zu können, das ist ein Geschenk! Einfach gesagt: Gott hat nichts davon, wenn ich dankbar bin. Das bringt ihm nichts. Aber mir bringt es etwas. So ist es etwa, wenn ich jemandem etwas Gutes tue, dann erwarte ich normalerweise ein Dankeschön. Dieses Zeichen der Dankbarkeit ist für den anderen wichtiger als für mich, denn ich habe etwas für ihn getan, einfach, weil ich ihn mag und nicht, damit er sich dafür bedankt. Ihm tut es gut, danke zu sagen, es ist der Ausdruck seiner Freunde, dass sich jemand um ihn kümmert. Er wird dankbar dafür, dass er danken kann, er empfindet die Dankbarkeit als Geschenk.
Wer der Dankbarkeit nachspürt wird feststellen, dass echte Dankbarkeit immer schon eine religiöse Erfahrung ist, auch wenn „Gott“ nicht explizit erwähnt wird. Dabei ist Dankbarkeit nicht nur eine Sache für Kopf und Herz, sie prägt auch unser Handeln. Man kann sie üben und sie kann wachsen, sie ist ein Teil von Fest und Feier.
Nehmen wir uns ein Beispiel an Franz von Assisi:  Er war ein froher Mensch, nicht, weil sein Leben unbeschwert war, sondern weil er sich ein dankbares Herz bewahrt hat. Er hat mitten in allen dunklen und schweren Lebensphasen ein Gespür dafür entwickelt, wie reich er beschenkt ist. Er ist nicht dankbar, weil er immer froh ist, sondern ist froh, weil er das Danken nicht verlernt hat.
Sibylle Lehmann frei nach Cornelius Bohl